Achim Achilles, Autor der populären Laufkolumnen des Internetportals Spiegel Online ist "Dauergast" beim TUI Marathon Palma de Mallorca.
Nachfolgend stellen wir in regelmäßigen Abständen die besten Texte des bekanntesten Freizeitläufer Deutschlands zur Verfügung!


Teil 1
Teststrecke Halbmarathon

21 Kilometer. Das klingt viel, ist aber für ambitionierte Anfänger wie für Fortgeschrittene ein realistisches Ziel. Wer dreimal die Woche eine gute Stunde laufen kann, der schafft mit etwas systematischer Vorbereitung auch den Halbmarathon.

Drei Monate lang einmal die Woche 90 bis 100 Minuten, einmal 60 Minuten etwas zügiger und einmal 70 Minuten entspannt, das sollte funktionieren.
Das Schöne am Halbmarathon für Anfänger: Er ist in ungefähr zwei Stunden vorbei. Der Körper kommt mit seinen Vorräten aus, sämtliche Horrorszenarien vom Einbruch gibt es hier nicht. Für den Fortgeschrittenen ist die Halbdistanz wiederum prächtig als Formüberprüfung. Hier kann man mit dem Tempo spielen, ohne Angst vor der großen Schlappe haben zu müssen. Die 21-Kilometer-Strecke ist vielleicht die angenehmste unter den längeren Distanzen. Zu lang, um ohne Training durchzukommen, aber zu kurz für langes Leiden.
Es gilt die alte Regel: Marathon würde viel mehr Spaß machen, wenn’s nur die halbe Strecke wäre.

Aus Achilles' Verse I: Mein Leben als Läufer



Teil 2
Ferien und Sport

Wer ein wenig ambitionierter läuft, will den Urlaub natürlich nutzen, um seine Form zu verbessern. Wann kann man sonst schon zweimal am Tag trainieren? Nur: Wohin mit der Familie? Am Ende bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder: Der Athlet steht morgens auf, während der Rest der Bande noch schlummert, und absolviert in der Kühle des Morgens sein Programm. Oder: Er nimmt sich eine Woche Auszeit und belegt mit seinem besten Laufkumpel ein Trainingslager mit professioneller Betreuung. Effektiv, aber teurer. Variante zwei hat klare Vorteile, denn urlaubende Familie und trainierende Väter (oder Mütter) passen nicht zusammen. Es sei denn, man verfügt über das Gttesgeschenk einer gleichgesinnten Familie und teilt sich die Kinderbetreuung.



Teil 3
Mythos Marathon

Es mag ja sein, dass es Leute gibt, die dem Lauf über 42 Kilometer irgendeinen Genussaspekt abgewinnen. Achilles kennt keinen. Es ist immer das Gleiche: Die ersten 25 bis 30 Kilometer rollt es gut, das letzte Viertel tut vor allem weh. Wer das nicht weiß, ist überrascht. Wer es öfter probiert, gewöhnt sich daran.

Muss Marathon also ungedingt sein im Leben eines Hobby-Läufers? Natürlich nicht. Aber toll ist es trotzdem. Marathon kann man sich eben nicht kaufen oder stellvertretend erleben. Jeder, der über diese Strecke kommen will, muss trainieren, ob Vorstand oder Tennislehrer. Vor dem Marathon sind alle gleich, er ist eine urdemokratische Angelegenheit. Notwendig ist er trotzdem nicht.



Teil 4
Never change a winning Sieben-Gänge-Menü

Die Ernährungsrevolution hat böse Folgen, weiß Wunderläufer Achim Achilles. Während man sich früher nach einem anstrengenden Lauf mit Wein und Bruschetta belohnen durfte, gibt es heute Tofu und Salat. Eine körperliche Verbesserung ist jedoch nicht zu erkennen.

Früher war ich zwei Stunden trainieren, Mona machte sich hübsch derweil. Frisch gefönt liefen wir bei Tino ein, dem Carbo-Loader unseres Vertrauens. Mona stöckelte vorweg, stracks in Tino hinein, der sein bisexuell-testosteronhaltiges "Ah, oh, ciao, Ragazza, Bella, Mamma Mia" quiekte. Was Algerier eben für Italienisch halten. Schmatz links, Schmatz rechts, noch einen links. Mona fühlte sich wie Claudia Cardinale und ich wie ihr Beschützer. In gemessenem Abstand kam ich angehumpelt. "Viele Sporte, molto Atletico, Achilles Olympico", brabbelte Tino anerkennend und in genau der richtigen Lautstärke, um den ganzen Speckspaten an den Tischen ringsherum einen widerwillig anerkennenden Blick abzunötigen.

Herrliche Zeiten damals, als Männer noch Männer waren, Frauen keine Gerippe und die Goldene Regel hieß: Laufen verbrennt Kohlehydrate, also können wir bei Tino auf der Terrasse jede beliebige Menge nachladen: erstmal lecker Fluffiweißbrot mit Öl und Salz, Bruschetta, ein Mittelgebirge Nudeln gegen den Zwischenhunger, Biere gegen den Durst, ein Doppelzentner Ossobucco für die Kraftausdauer, mit Erdbeerpannacotta abbinden und kontinuierlich mit Rosso spülen. Soll ja viel Eisen drin sein. Roter Wein, rotes Blut - passt perfekt. Und im Grappa ist bestimmt auch irgendwo ein Vitamin versteckt oder Aminosäure. Auf jeden Fall Glückshormon. Bestgelaunt schwankten wir nach Hause, Hand in Hand wie am ersten Tag, um dort noch mal durch den Kühlschrank zu browsen. Pures Glück. Und genug schlechtes Gewissen, um am nächsten Morgen gleich wieder loszutraben. Waren wir dicker damals? Unglücklicher? Langsamer? Eben.

Never change a winning Sieben-Gänge-Menü, sagt der Laufexperte. Und doch haben wir es alle getan. Seit etwa zwei Jahren dürfte der Pasta-Umsatz bei Tino dramatisch gesunken sein. Mona und alle anderen Frauen dieser Welt sind der Iss-dich-fit-Sekte beigetreten. Und ihre Weicheier von Kerlen gleich mit. Essen dient nicht mehr dem Vergnügen, sondern muss eine tiefere Bedeutung haben.

Weißbrot und seine vielen Weißmehl-Verwandten sind allesamt verbannt. Olivenöl auch, weil Raps viel besser ist. Stundenlang muss ich vor Fenchel meditieren. Immerhin ist Kresse drauf und ein Spritzer Zitrone, weil der angeblich Fett verbrennt. Hätten wir Mäuse auf unserem Tisch, würden sie sich heulend zu Boden stürzen. "Ich brauche Treibstoff für mein Tempotraining", winsele ich meine Gattin an. "Da ist ganz frischer Tofu im Kühlschrank", sagt Mona, "und Linsenmus mit Ingwer." Super. Immerhin keine Rhabarber-Thunfisch-Paste an Vollwert-Mangold.

Wir sind nicht dünner geworden, seit meine Frau Ernährungsbücher liest. Aber unsere Laune hat sich verschlechtert. Und der Geruch unserer Magenwinde. Der Eierbecher voll Buttermilch, den Mona mir zum Frühstück gewährt, hält auch nicht den ganzen Tag vor. Von Brokkoli-Torte (ohne Teig) wird mir schlecht. Kein Wunder, dass ich mir bei jedem Drive-in einen Doppelstock-Burger mit Fritten besorge.

Früher habe ich versucht, den Zigarettengeruch aus meinen Klamotten zu kriegen, heute bekämpfe ich den Fastfood-Dunst. Zuckerfreie Salbeipastillen funktionieren ganz gut, wenn man sie kurz anlutscht und dann unter den Hemdkragen klebt. Verräterisch sind allenfalls die Fleischfasern in den Backenzähnen und der Ketchup-Fleck auf dem Revers. "Ist Kichererbsen-Tartar mit Salbei", erkläre ich Mona, "total lecker, du."

Seit Essen eine Wissenschaft ist, ist die gute alte Fressromantik bei Tino zum Teufel. Die Frau, die mal meine genussfreudige Gattin war, kommentiert die Tageskarte gnadenlos durch: Pizza? Geht nicht. Kohlehydrate. Und Fett. Nudeln? Dasselbe. Viktoriabarsch? Verboten, weil aus Afrika, zuviel CO2 zwischen den Schuppen. Kalbsleber Veneziana? Giftbombe. Filet in Zitronensoße? Schwein? Willst du dich umbringen? Ja, will ich, am liebsten mit CO2-haltigem Kohlenhydratschwein.

Während die Kinder an ihrer Pizza herumsäbeln, werde ich zu Salat mit Lammstreifen verdonnert. Nette Vorspeise. Für Hasen. Mona behauptet, sie habe nie Hunger, weil sie viel Wasser trinke. Zum Glück verschwindet sie deswegen dauernd zur Toilette. "Papa hat Pizza geklaut", petzt mein Sohn Karl. Tolle Brut, kaum in der Pubertät, schon so loyal wie Andrea Nahles. Mona gießt mir zur Strafe noch mehr Wasser in den Weißwein.

Wie soll ich Spitzenleistungen erlaufen, wenn mein Kopf weiß, dass meine Speicher ratzekahl leer sind. Gefühlte Schwäche ist noch schlimmer als reale. Nach einer Fressorgie bei Tino war ich früher mental bestens aufgestellt. Die Speicher fühlten sich proppevoll an, und das Gewissen mahnte: Lauf um dein Leben, einfach so, zum Spaß. Heute habe ich Angst vor einem Linseninfarkt mit Tofudurchbruch. Mona ist schuld an einem Sommer ohne Leistungsexplosion.

Mehr von Achim Achilles: www.achim-achilles.de

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